AfD-Wähler: Was nicht sein darf, kann nicht sein



Unter den AfD-Anhängern ist der Anteil der Arbeiter inzwischen höher als bei allen anderen Parteien. Die Meinungselite hält soziale Gerechtigkeit aber weiter für überbewertet

Die Kommentare, die den hohen Stimmenanteil der AfD zu erklären versuchen, unterscheiden sich tatsächlich kaum voneinander. Große Einigkeit herrscht darüber, dass ein Mangel an sozialer Gerechtigkeit nicht für den Wahlerfolg der AfD verantwortlich sein könne. Die AfD-Wähler kämen aus allen Gesellschaftsschichten, heißt es zur Begründung. Nicht soziale Ungerechtigkeit habe sie veranlasst, ihr Kreuz bei den Rechtspopulisten zu machen, sondern kulturelle Entfremdung.

Selbst ein linker Publizist wie Robert Misik, sozialer Gerechtigkeit durchaus zugetan, sieht das so. Ein Teil der Bevölkerung habe „das Gefühl, gar nicht wahrgenommen zu werden“, schreibt Misik in der taz. Diese Menschen hätten „mit dem gesamten Identitätsangebot der Progressiven nichts am Hut“. Da die AfD-Wähler „wirklich rechts“ seien, „autoritär und lebenskulturell extrem konservativ“ sowie „zerfressen von Angst und Hoffnungslosigkeit“, könnten sie mit einer linken Sozial- und Wirtschaftspolitik nicht zurückgeholt werden.

Nun dürfte kaum zu bestreiten sein, dass AfD-Wähler meist konservativ bis reaktionär eingestellt sind. Dass sie sich allesamt für soziale Gerechtigkeit nicht interessierten, ist jedoch zunächst einmal nur eine Behauptung. Stützen ließe sie sich auf eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die im April 2017 in der Zeitschrift für Parlamentsfragen erschien. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete im März vorab exklusiv darüber. Der Tenor der IW-Studie lautete, die AfD-Anhänger seien gar nicht abgehängt, wie oft fälschlich behauptet werde, sondern verdienten sogar leicht überdurchschnittlich. Der Anteil der Arbeiter unter den AfD-Anhänger liege nur bei 16 Prozent und der Anteil der Arbeitslosen bei drei Prozent. Doch seien sie „Pessimisten“ und von Zukunftsangst zerfressen. Die AfD sei demzufolge eine „Partei der sich ausgeliefert fühlenden Durchschnittsverdiener“.

Das klingt so, als hätte Misik mit seiner Einschätzung voll ins Schwarze getroffen. Doch was die Leser der FAZ und der anderen Blätter, die von ihr abschrieben, nicht erfuhren: Das IW wertete lediglich Daten bis Anfang 2016 aus. Gut zu wissen ist auch, dass das von der Privatwirtschaft finanzierte Institut schon seit langem zu belegen versucht, dass die AfD keine „Prekariatspartei“ sei. Im Mai 2016 zum Beispiel rechnete das IW anhand von Daten aus dem Jahr 2014 – also noch zu Zeiten der Lucke-AfD – vor, dass es nur einen schwachen Zusammenhang zwischen Einkommen und Sorgen über die Zuwanderung gebe.

Wie aus der Pressemitteilung hervorgeht, ging es dem IW darum, den damaligen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel auszubremsen, der kurz zuvor ein Mini-Sozialprogramm ins Gespräch gebracht hatte. Gabriel und andere Genossen wollten damit das Prekariat davon abhalten, aus Frust über die im Zuge des Flüchtlingszustroms plötzlich doch nicht mehr so „klammen Kassen“ zur AfD überzulaufen.



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