„Auch Pierre Bourdieu ist ein Indexierungsopfer“



Wissenschaftsforscherin Terje Tüür-Fröhlich über Wissenschaftsevaluierung und fehlerhafte Zitationsdatenbanken

Terje, wir kennen uns von zahlreichen Tagungen. Du beschäftigst Dich schon seit längerer Zeit mit Fehlern in Zitationsdatenbanken. Ein Thema, das oft unter den Teppich gekehrt wird, denn diese Datenbanken gelten als objektiv, dienen sie doch der Bewertung von wissenschaftlichen Leistungen. Warum dieses Forschungsthema, und warum „banale“ Fehler, was ist an Fehlern „banal“?

Terje Tüür-Fröhlich: Ich komme aus Estland, dort ist mein Vorname „Terje“ weiblich. In Skandinavien ist Terje jedoch ein männlicher Vorname. Ich musste in Norwegen einmal um mein Hotelzimmer kämpfen. Die Rezeptionistin beharrte stock und steif auf ihrem Standpunkt: „Dieses Zimmer ist für einen Mann reserviert, aber SIE sind eindeutig eine Frau!“ Namensbedeutungen variieren kulturell, das habe ich in diesem Moment erkannt, und diese kulturelle Tatsache ist auch eine Quelle „banaler“ Fehler in Forschung und Dokumentation.

Dann kam ich nach Österreich und eine komplette Katastrophe mit meinem Nachnamen nahm ihren Lauf. Damals hatte ich noch meinen Mädchennamen „Tüür“ mit doppeltem „ü“. Bei den verschiedenen Amtsgängen und bei der Immatrikulation an der Universität musste ich unzählige Formulare ausfüllen. Was sagten die Beamtinnen, wenn sie meinen Nachnamen auf dem Formular sahen? „Sie haben sich verschrieben! Da ist ein „ü“ zu viel“! Mir wurde also in Österreich als Akademikerin ständig unterstellt, meinen eigenen Namen nicht richtig schreiben zu können!

Dann ist mir noch etwas Unerwartetes zugestoßen, das mein Forschungsinteresse endgültig entflammt hat. Als ich mich an der Universität Linz für das Doktoratsstudium der Kultur- und Geisteswissenschaften eingeschrieben hatte, bekam ich einen großen Briefumschlag zugeschickt, adressiert an „Frau DI Tüür-Fröhlich“. Ich war also zum „Diplomingenieur“ geadelt worden und – als Sonderpädagogin! – war ich anstandslos, ohne irgendein technisches Vorstudium, zugelassen für das Doktoratsstudium Technische Chemie.

Empört ging ich zur Studienabteilung der Universität und sagte, da müsse wohl ein Fehler vorliegen, ich hätte mich doch für das Dokstudium Kultur- und Geisteswissenschaften beworben. Die schnoddrige Antwort der Mitarbeiterin: „WIR machen keine Fehler, SIE haben einfach das Formular falsch ausgefüllt“.

Meine Vorlieben für Chemie sind begrenzt, daher blieb ich hartnäckig und bestand darauf, im Dissertationsfach Philosophie aufgenommen zu werden. Nach langem hin und her stellte sich heraus: Die Studienabteilung der Universität hatte ZWEI Studiengänge, einen philosophischen und einen technischen, mit demselben Fachcode besetzt – so wurde ich vom digitalen Verwaltungssystem der Uni der technischen Chemie zugeteilt.

Das war mein Point of no Return, an dem ich wusste: DAS ist mein Dissertationsthema. Später zuhause verkündete ich: „Ich habe mein Dissertationsthema! Banale Fehler in der EDV und in der Wissenschaftskommunikation!“ Darauf sagte mein Mann nur: „So etwas Fades, mach doch was Aufregendes, wie z.B. Betrug in der Wissenschaft oder Korruption“.

Es stellte sich jedoch heraus, dass das Aufspüren banaler Fehler sehr spannend ist. Ihre Entdeckung erfordert äußerst mühsame und aufwändige Detektivarbeit. Ab und zu gesteht mein Mann fröhlich-zerknirscht seine Fehldiagnose ein und beglückwünscht mich zu meiner Themenwahl.



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