Er lügt wie ein Augenzeuge



Bild: Lytro

Mixed Reality ermöglicht die Produktion von Bildern und Videos als seien sie Abbild der Realität

Die Zeiten, als Bilder oder Videos einen unbestechlichen Beleg für einen Vorgang oder eine Aktion liefern können, neigen sich dem Ende zu. Schon heute lassen sich sowohl Bilder, als auch Videos erzeugen, die virtuelle Elemente in eine aufgenommene Umwelt so einbetten können, dass der Betrachter nicht erkennt, dass das Gezeigte so nie stattgefunden hat.

Das russische Sprichwort vom lügenden Augenzeugen kommt langsam, aber sicher zu unerwarteter Aktualität, wenn selbst Bilder und Videos so perfekt modifiziert oder gänzlich neu gestaltet werden können, dass der Betrachter nicht mehr einschätzen kann, ob es sich bei der Aufnahme um ein Abbild der Realität oder eine am Rechner erzeugte Darstellung handelt.

Die Montage von Bildern im Interesse einer politischen Aussage kann auf eine durchaus lange Tradition zurückschauen, wie schon ein kurzer Blick auf das Werk von John Heartfield andeutet. Da ein Bild nach landläufiger Ansicht mehr als tausend Worte sagt und meist auch leichter als „wahr“ akzeptiert wird, bieten montierte Bilder deutliche Vorteile gegenüber einer reinen Textdarstellung. Welche Macht bearbeitete Bilder haben können, zeigte sich vor wenigen Wochen an einem der letzten unter der vergangenen französischen Regierung in Kraft getretenen Gesetze, das vorschreibt, dass Bilder von Fotomodellen, die mittels Bildbearbeitung optimiert wurden, als solche gekennzeichnet werden müssen (vgl. Frankreich: Neue Maßnahmen zum Schutz vor Magersucht), damit sie von jugendlichen Betrachtern nicht zum Vorbild genommen werden und zu Magersucht führen könnten.

Computerspiele zählen nicht ohne Grund zu den Treibern bei der Entwicklung der Rechenkapazität von PCs und Notebooks und fordern auch die Leistungsfähigkeit der Festnetz- und mobilen Übertragungsnetze kontinuierlich zu Leistungssteigerungen heraus. Super Mario bietet heute nur noch für Freunde längst vergangener Technik und Anachronismen eine passende Auflösung. Aktuelle Ballerspiele müssen deutlich realistischer sein, um von den Nutzern noch akzeptiert zu werden. Der Anwender kann sich auch bei sehr realistischen Spielen letztlich noch bewusst machen, dass es sich um ein Spiel handelt, in dessen Ökosystem er sich aktuell bewegt.

Dies gilt auch für die virtuellen Traumwelten, die in sogenannten Verkaufskiosken zum Einsatz kommen. Die Technik soll in diesen Fällen helfen, die passende Brille auszuwählen, ohne dass man sich das Original auf die Nase setzen muss oder die schönste neue Frisur herauszufinden, ohne dass der Haarstylist zur Schere greifen muss. Selbst die passende Maßkleidung lässt sich auf diese Weise virtuell ermitteln. Die Daten werden dann online nach Bangladesch oder Kambodscha geschickt. Und der freundliche Lieferservice bringt das fertige passgenaue Kleidungsstück dann im Handumdrehen an die Haustüre. Der deutsche Schneidermeister darf sich dann bei Bedarf auf reine Änderungen oder Anpassungen beschränken.

Der Fahrzeugkunde erwartet von einer Automobilmarke im sogenannten Premiumbereich heute eine möglichst umfassende Individualisierung seines neuen Fahrzeugs. In manchen Fällen dürfte die Zahl der unterschiedlichen Varianten die Menge des Gesamtabsatzes deutlich übersteigen. Dass entsprechende Ausstellungsfahrzeuge bei den Händlern nicht mehr zum Anschauen zur Verfügung stehen, ist da leicht nachzuvollziehen. Was früher der Showroom des Autohändlers war, ist heute eher ein Themencafé mit einem einzigen ausgestellten Fahrzeug und einem absatzfreundlichen Ambiente.

Der Rest ist virtuell in einem Kiosksystem hinterlegt oder wird aktuell auf das Tablet des Interessenten überspielt. Die Zeiten, als Erlkönige zum Fotoshooting um die halbe Welt nach Australien geflogen werden mussten, sind lange vorbei. Seit die hochauflösenden Digitalkameras jeden Fehler bei den Spaltmaßen der Prototypen gnadenlos abbilden, greift man auch für die bunten Werbebilder mit Vorliebe auf die CAD-Daten aus der Konstruktion zurück und rendert die Bilder.

Inzwischen greift die Mixed Reality von der Verkaufssituation auch zunehmend auf die Fahrzeugentwicklung über. Auch hier wird zunehmend rein virtuell entwickelt. Die Ergebnisse fließen dann nicht in den Prototypenbau ein, sondern bleiben auf der virtuellen Ebene, bis ein Kunde die entsprechende Ausführung bestellt. Dann müssen die Zulieferer in die Gänge kommen und termingerecht an die Fertigungsbänder liefern.



Diese News stammen aus unserem Partnernetzwerk : https://www.heise.de/tp/features/Er-luegt-wie-ein-Augenzeuge-3726121.html

Originalbild mit freundlicher Genehmigung von heise.de

Ersten Kommentar schreiben

Antworten