In der Neurodisco | Telepolis


Video Screenshot: „Self Reflected – Illuminating the Brain Through Art and Science“

Jedes Zeitalter schafft sich sein Bild vom menschlichen Geist – und seinen eigenen, dazu passenden Kitsch

Während man früher den menschlichen Geist – oder das menschliche Bewusstsein – mit Bildern zu fassen versuchte, die der industriellen Revolution und elektromechanischen Kommunikationstechnologien entlehnt waren, bietet sich heute die Rede von „Netzen“ an sowie das wunderbunte Material, das die bildgebenden Verfahren vom Gehirn liefern. Ob uns das dem Verständnis näher bringt?

Als im Jahr 1990 der US-Kongress und der damalige Präsident George H. W. Bush die Dekade des Gehirns („Decade of the Brain“) ausriefen bedeutete das eigentlich, dass die Forschung zu neurologischen Krankheiten und dem Gehirn als Ganzem nach vorne gebracht und die Ergebnisse sowohl Ärzten als auch Politikern und der Allgemeinbevölkerung besser und nachhaltiger vermittelt werden sollten, als man das bis dahin gekannt hatte.

Das traf sich gut, hatte doch gerade die Magnetresonanztomographie ihren Siegeszug angetreten und Blicke in das Innere des Gehirns ermöglicht, die vorher undenkbar gewesen waren.

Kein Zweifel, die Dekade des Gehirns, und nachfolgende Anstrengungen, wie zum Beispiel die Decade of the Mind oder das Blue Brain Project / Human Brain Project (siehe Willkommen in der Matrix) haben nicht nur die Kenntnisse über das Gehirn vertieft, sondern vor allem, und das ist in unserem Zusammenhang wichtig, der uralten Faszination des Menschen durch sein Gehirn neue Bilder gegeben – Bilder, die in einer globalen Mediensphäre auch globale Reichweite haben.

Und die leicht kommunizierbaren, leicht konsumierbaren, von der Forschung losgelösten Bilder haben sich zu einer großen Bildwelt zusammengeschoben, die in ihrer Fluffigkeit, Mehrdeutigkeit und Beliebigkeit ähnlich wirkt wie die Weltausstellungsprogramme von anno damals und das Gerede von der gleichzeitig toten und lebendigen Katze Schrödingers, das heute noch kursiert.

Das ist eine Art Wissenschafts- und Technologievarieté, in dem man sich gleichzeitig wundern und gruseln, aber auch wohlfühlen kann, weil der Fortschritt gesichert erscheint. Es sind emotionale, nicht rationale Bedürfnisse, die von diesen Konfettiparaden bedient werden.

Und leider wird dieser unverbindliche und nährstoffarme Medienbrei nicht nur von der Presse in Umlauf gebracht, sondern auch von der Wissenschaft selbst. Ein schönes Beispiel dafür ist die Arbeit von Greg Dunn und Brian Edwards. Der eine ist Neurologe, und der andere ist Künstler und Physiker. Beide haben zusammen in jahrelanger Arbeit ein Werk geschaffen, das sie „Self Reflected“ genannt haben.

Dabei kamen Computer, Gold, und eine Technologie zum Einsatz, die sie „reflective micro-etching“ nennen. Wenn man sich das Ergebnis anschaut, muss man sich schon fragen, wofür dieser Aufwand eigentlich betrieben wurde. Nüchtern betrachtet ist das Ergebnis nichts anderes als die große, aus vielen Einzelplatten zusammengesetzte Gravur eines Gehirnschnitts.

Dunn und Edwards weisen mit Nachdruck darauf hin, dass sie das Ganze nicht etwa nur besonders detailreichen MRT-Scans oder extrem aufwändig mikroskopierten Gewebeschnitten entnommen haben. Nein, sie haben das ganze Gebilde aus individuell gezeichneten, über Computeralgorithmen miteinander verbundenen Neuronen aufgebaut. Und trotzdem sieht es am Ende wie ein sehr fein strukturierter Gehirnschnitt aus.

Das reflective micro-etching macht es möglich, dass unter speziell gesteuerter Beleuchtung unzählige funkelnde Reflexionen über das komplexe Bild tanzen, was zugegebenermaßen hübsch anzuschauen ist, bis man sich fragt, was es eigentlich bedeutet.



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Originalbild mit freundlicher Genehmigung von heise.de

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