Klartext: Die Arbeit des Nörglers


Meinung
Clemens Gleich

„Schau mal, das lustige Textbild!“, ruft die Frau, einen Blick fordernd. Ich erkenne sofort, was sie meint: „In der achten Zeile fehlt ein Komma.“ Vielleicht täusche ich mich auch, denn sie wirft mir wieder einen ihrer Blicke zu. Diesen Teil meiner schier unauslotbaren Pingeligkeit könnte man noch als Berufskrankheit verbuchen. Gelegentlich lektoriere ich Texte, und da sollte kein Komma durchschlüpfen. „Ein Komma fehlt immer irgendwo“, zitiert ein redigierender Kollege gern, weil es stimmt. Doch der metaphorische Eisberg meines Problems reicht Kubikkilometer weiter, tiefer. Ich finde das Haar in jeder Suppe, und ich fürchte mittlerweile, dass ebendas mir den Testerberuf demnächst verunmöglicht.

Vor einiger Zeit habe ich ein Microsoft Surface Book als neuen Laptop gekauft. Seitdem fluche ich über alle, die das Ding getestet haben mit ihren hoffnungsfrohen Adjektiven („stabil“), ihren unhaltbaren Vergleichen („qualitativ auf Apple-Niveau“). Ich legte die Geräte beider Firmen direkt nebeneinander und fand enorme Unterschiede in der Verarbeitung. Beim Macbook lagen die Toleranzen im Bereich einiger hundertstel Millimeter, beim Surface Book kann es sich innerhalb einer bemerkenswert hohen Serienstreuung auf bis zu zwei ganze Millimeter schief ausgehen. Pingeligkeit ist das Eine, aber zwei Größenordnungen Unterschied muss man doch sehen! Ich kaufte die Maschine dennoch ob ihrer Qualitäten „Bildschirm“ und „Tastatur“, bereute das aber, weil der Bildschirm mich mit nicht wegzukriegendem Flackern nervt (3. Tauschgerät). Kann das wirklich nur mir aufgefallen sein? War der Testzeitraum der Tester zu kurz? Deren Schiebelehre krumm? Ihr Apple-Vergleichszeug ein Imitat aus Istanbul?

Meine neue Tastatur erwacht nur eine Woche nach dem Erstanschluss nach wenigen zehntausend Zeichen nicht mehr aus ihrer Energiesparruhe, und wenn sie das tut, dann mit der fürchterlichen Wut des Nochschlafenwollenden: Sie speit tausende Wiederholungen einzelner Zeichen in die Message Queue, was von einer Lästigkeit im Textdokument bis zu kurzfristiger Unbedienbarkeit des Rechners führen kann. Wenn Gott mich nicht ganz persönlich auf dem Kieker hat: Tippen denn Andere so selten / auf Kabeltastaturen / sowieso am liebsten tausendmal ein kleines „h“? Nun gut, dachte ich mir, das mag alles an meinem Elektronik zersetzenden elektromagnetischen Pesthauch liegen. Dann begegneten mir jedoch weniger feinstoffliche Probleme.

Grobstoffliche Grobmotorik

Im GLE Coupé kam bei glitschigem Untergrund oder schneller Fahrt gern ansatzlos das Heck herum. In den Tests dazu stand, das fahre super. Nur der ADAC bescheinigte dem Standard-GLE eine Unlenkbarkeit nach extremem Untersteuern mit darauf folgendem ebenso extremem ESP-Eingriff. Jetzt teste ich gerade einen chinesischen Elektroroller, den NIU (dazu demnächst mehr). Wenn ich Texte Anderer über dieses Gerät lese, sehe ich vor dem inneren Auge den wiederkehrenden Christus der EU-Fahrzeugklasse L1e, einen Tesla-Heiland des Rollerproletariats. Wenn ich ihn dagegen fahre, rege ich mich fürchterlich auf über alle, die so eine Illusion vors innere Auge zu zaubern wagten. Der Gasgriff ist mal so richtig kacke bedienbar, auf dem einzigen Setting (3), das dir die ohnehin mageren 45 km/h des L1e erlaubt. Jede Energica mit ihren 100 kW bedient sich hundertmal feinfühliger. Das muss doch Jemand außer mir bemängelt haben! Ich fühle mich sehr allein.

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