Klartext: Klein oder kapitalistisch? | heise Autos


Meinung
Clemens Gleich

Damals, bei der Motorradzeitschrift MO, gab es einen externen Mitarbeiter, der bei jedem Besuch dieselbe Routine aufführte, zuverlässig wie ein Uhrwerk: Er stellte sich in die Mitte des jeweiligen Büros, ignorierte, dass er angestrengt ignoriert wurde, streckte seinen Bauchbeutel heraus, stemmte die Hände denselben rahmend in die Hüften und deklamierte: „I hen da unten die Honda/Kawa/Egalwasa g‘säh. Verrückt. Woisch, mähr als a SV 650 brauchd koi Mensch.“ Selbstredend hatte er eine Suzuki SV 650. Ebenso selbstredend: Die SV 650 ist tatsächlich ein tolles Motorrad. Aber was mir die aktuelle Themenhäufung „SUV“ zeigt: Der Kapitalismus überlebt so hartnäckig alle, die ihn totsagen, weil der Mensch eben nicht nur das kauft, was er braucht, sondern das meiste Geld darin versenkt, was er ohne echte Bedürfnisse will.

Karl Marx demonstrierte ein grobes Missverständnis der Herzen der Menschen, als er schrieb: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Unsere Bedürfnisse sind im Schnitt ebenso überschaubar wie unsere Fähigkeiten. Es gibt immer noch alte Rote, die den „ersten echten Kommunismus“ der Welt sehen wollen. Aber wenn ich nach meinen Fähigkeiten arbeiten müsste, ginge es mir schlechter, denn dann müsste ich vormittags Code schreiben und nachmittags auf dem Bau Zementsäcke schleppen. Daraus erhielte ich entsprechend meiner Bedürfnisse lauwarme Grütze und ein vom Genossen der Vorschicht noch ebenso lauwarmes Bett. Nix mit Schnittchen von Volkswagen.

Meine Motivation wäre die meiner Mitstreiter und der Grund dafür, dass unsere echt kommunistische Nation nicht viel vorzuweisen hätte außer unser politisch vorbildliches System. Lauwarmes Zeug für alle! Aber halt nicht mehr. Wir würden Gysi einladen, und Nahles, Ehrenstaatsbürgerschaft und die Möglichkeit, an dieser epochalen Entwicklung mitzuwirken, und beide würden lieber in Deutschland bleiben, wo es sich, allen Unken zum Trotz, nämlich ganz schön leben lässt.

Marx mit Niveau

Vielleicht muss ein real funktionierender Sozialismus nur auf einem entsprechend hohen Lebensqualitätsniveau angestrebt werden. Vielleicht reicht eine alte SV nicht mit ihren Versagern, die winters mangels der nur für England vorgesehen Heizung spuckend die Versorgung der Brennräume mit Frischgas verweigern. Vielleicht liegt die Latte bei der 2017er Street Triple S, die vor mir in genossenhaftem Rot schimmert. Denn es gibt die Street Triple kapitalistisch aufgefächert als S, R und RS, mit jeweils teureren Komponenten und mehr Leistung. Doch hier strecke ich meinen Bauchbeutel voller Marx-Zitate hinaus, stemme die Hände in die Hüften und rufe aus: „Mehr als eine Street Triple S braucht kein Mensch!“

Wie um das bestmöglich zu demonstrieren zeigt Triumph die Streetys auf der Bosch-Teststrecke Boxberg. Hier gibt es außer große, asphaltierte Plätze für Hütchen-Parcourse auch mehrere lustige kleine Rennstrecken, einen Kehren-Handlings-Kurs, den die Instruktoren liebevoll das „Stilfser Joch“ nennen und meinen Favoriten: ein Hochgeschwindigkeits-Oval. Die S-Streety hat weniger Leistung, einen sozialistisch unbunten Tacho statt der TFT-Schirme ihrer Geschwister und Schwimmsättel vorne an der Doppelscheibenbremse, wenn auch in diesem Jahrgang optisch schönere Schwimmsättel als die erste Street Triple damals.

Auf der Bremse auf den Rennstrecken spürt man dann auch am ehesten den Unterschied zwischen dem, was du nach meinem Dafürhalten brauchst, und den dekadenten R/RS-Versionen. Sie wird heiß und bremst dann etwas schlechter. Nichts Tragisches. Die Leistung dagegen spielt auf den kleinen Kursen kaum eine Rolle. Was dich am Beschleunigen hindert, ist nicht der Motor, sondern die Traktionskontrolle. Triumph verbaut ein System ohne Schräglagenschätzeisen, das erfreulich sanft eingreift. Damit das so sanft funktionieren kann, regelt es sehr früh, der alte Honda-Gedanke. Zum schnell fahren musst du es also sowieso ausschalten, übrigens auch bei der R, denn auch ihr „Sport“-Modus greift noch zu früh ein. Erst die RS hat einen „Track“-Modus, der so spät regelt, dass er zumindest mir keinen Unterschied mehr zeigt zu „Aus“.

Genug ist nicht genug

Wirklich nach Marx wird mir aber auf dem Oval zumute. Ich trage flatternde Textilkleidung, weil das Wetter wechselhaft aussah am Morgen. Am Ende der Geraden auf die mit 160 km/h geschwindigkeitsbeschränkte engere Seite des Ovals stehen trotz Flatter-Polyesters über 220 km/h auf der grauen LCD-Anzeige. In Leder wären also auch über 230 drin. Nun kenne ich die Bedürfnisse der meisten Motorradfahrer etwas besser als die Bedürfnisse aller Bundesbürger, und da gibt es einfach kaum welche nach mehr als 230 km/h auf einem unverkleideten Motorrad. Die Spitzenleistung erreicht der Dreizylinder dann über eine Mitte, die viele Schaltvorgänge Hubraum-vergleichbarer Motoren überflüssig macht. Jetzt mit 765 ccm statt vorher mit 675.

Es ist also in etwa so wie mit der KTM 690 Duke damals: Die Standardversion macht dich wahrscheinlich am glücklichsten, gerechnet pro investiertem Euro. Ich fuhr sie sehr zufrieden. Dann fuhr ich die R-Version und musste sie unbedingt kaufen. So wird es letztendlich auch bei der Street Triple werden. Ich bräuchte nicht einmal die S. Ich will aber eine R, mindestens, schon wegen der Farben. Der Kapitalismus siegt mal wieder über den armen alten Karl.




(cgl)

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