Mikroskop statt Kreuz | Telepolis



Westfassade des Berliner Stadtschlosses mit Kuppel, März 2017. Bild: Doovele / CC0 1.0

Der Humanistische Verband (HVD) möchte kein christliches Symbol, sondern ein Zeichen naturwissenschaftlicher Gesinnung auf dem Dach des Berliner Schlosses. Ein Kommentar

Die Leitung der Berliner Ortsgruppe des Humanistischen Verbands (HVD) möchte laut einer Pressemitteilung vom 2.6. 2017 das Dach der Berliner Schlosses (bzw. „Humbold-Forum“) gekrönt sehen nicht durch ein Kreuz, sondern durch ein Mikroskop.

Dieser Vorschlag gleicht einer Schlüsselszene. Sie stellt symbolisch verdichtet eine von der FDP bis zu Linken weit verbreitete problematische Haltung zur Religion dar. Suggeriert wird, die Sinnstiftung des christlichen Glaubens lasse sich ersetzen durch eine naturwissenschaftliche Gesinnung.

Die Fragen und Problemstellungen sowie die Antworten von Religionen zu kritisieren ist das eine. Etwas anderes ist es, die Überwindung der Ursachen und Gründe für die Religion einem Wissenschaftsglauben zuzutrauen. Diese Vorstellung gehört zu einer über sich selbst unaufgeklärten Aufklärung und grenzt heute an Realsatire. Mikroskop statt Kreuz – das ist einfach nur schief gedacht. Beide stehen nicht auf einer Ebene.

Dieser Vorschlag tut ernsthaft so, als ob die Sinnstiftung des christlichen Glaubens ersetzt werden könne durch eine naturwissenschaftliche Gesinnung. Beide stehen nicht auf einer Ebene. „Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind“, so Wittgenstein.1

Naturwissenschaften gehen notorisch mit Überschreitungen ihres legitimen Anwendungsbereiches einher. Ihre Konzentration auf das Messbare und ihre Festlegung auf die versachlichende Herangehensweise an „Objekte“ tragen zu menschlich problematischen Praktiken und Verhältnissen bei.

Dass bspw. Mediziner bereits im Präparierkurs lernen, an Leichen zu hantieren wie an defekten Motoren, mag einerseits seine Notwendigkeit haben. Andererseits sind die Probleme einer den Patienten nur als „Fall“ behandelnden Medizin hinlänglich bekannt. Die Berliner HVD-Repräsentanten schätzen die Wissenschaft als Bündnispartner gegen die Religion so sehr, dass ihr Humanismus nur die positiven Effekte von Naturwissenschaft wahrnimmt.

Der „Weltverlust durch die methodische Reduktion des Makro- und Mikrokosmos auf quantifizierbare Größen“2 wird Naturwissenschaftlern und Technikern angesichts der imponierenden „Ersatzwelt forscherlicher Errungenschaften“ nicht oder kaum bewusst. Dass in den Naturwissenschaften „der Mensch sich selbst ausschaltet, um … diesen großen Gegenstand Natur als eine Ordnung nach Gesetzen zu konstruieren“3 hat Folgen über den damit verbundenen naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hinaus.

Naturwissenschaften sind zudem durch die Fragmentierung und „Auflösung in Einzelfächer“ charakterisiert, „die nur noch Ausschnitte der Natur untersuchen und deren Einheit nur auf der Methode, nicht auf einer Welt- und Natursicht beruht“.4Erwin Chargaff, der maßgeblich zur Entschlüsselung der DNA-Struktur beitrug, stellte fest:

Für den Experimentator ist eine wohlüberprüfte Methode gleichsam ein sehr scharfes Werkzeug, mit dessen Hilfe er winzige und regelmäßige Streifen aus dem Fleische der Natur schneiden kann. Was er erfährt, gilt für das betreffende Fragment, aber nicht für die angrenzenden Bereiche. Diese können auf ähnliche Weise wieder mit Hilfe anderer Methoden untersucht werden. Man hofft, dass diese ganze zersprengte Welt des Wissens schließlich zu einem Gesamtbild zusammenfließen wird, aber das ist niemals geschehen, noch auch ist es wahrscheinlich, dass es in der Zukunft stattfinden wird, denn je mehr wir unterteilen, umso weniger können wir zusammenschließen.

Erwin Chargaff: Das Feuer des Heraklit

Gewiss ist diese Bemerkung überspitzt, insofern sie die Integrationsgewinne in den Naturwissenschaften übergeht. Allerdings bleibt fraglich, ob die Integration die „irreversible Fragmentierung der wissenschaftlichen Erkenntnisse.“5 aufzufangen vermag. Und bei diesem Problem der Fragmentierung bleibt es nicht: „Das ‚Herausschneiden‘ des Systems aus der natürlichen Umgebung führt jedoch dazu, dass dem Gewinn an Sicherheit des Wissens in Bezug auf das System unter künstlichen Bedingungen ein Verlust an Sicherheit gegenüber steht, ob das in natürlicher Einbettung belassene System in gleiche Weise reagiert wie das im Labor isoliert betrachtete.“6

Eine These, die angesichts der hohen Wertschätzung von Naturwissenschaften und Technik einen Akt ausgleichender Ungerechtigkeit vornimmt, lautet: 7

Wenn es etwas spezifisch Menschliches am Menschen gibt, dann ist es nicht sein Erfindungsgeist (seine ‚Schlauheit’), mittels dessen er die Dinge seinen eigenen Zielen unterwirft und sie seinem Einflussbereich einverleibt – diesen Zug hat er mit allen lebendigen Wesen gemein, nur macht er davon durch seine größere Intelligenz und sein umfangreicheres Arsenal an Hilfsmitteln auf viel radikalere Weise Gebrauch.

Wenn es etwas spezifisch Menschliches am Menschen gibt, dann ist es … die Grundhaltung nicht die des Änderns und Manipulierens dessen, was man vorfindet, sondern die des Offen- und Empfänglichseins dem Anderen gegenüber, eine Haltung des Respektierens, Zuhörens, kurz der Rezeptivität und Aufgeschlossenheit, und nicht des ‚Sich-Gefügig-Machens’. … Das ist auch der Grund für typisch menschliche Phänomene wie Anteilnahme, Sorge, Sympathie und sogar Liebe gegenüber den Anderen und dem Anderen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: die menschliche Offenheit ist keine restlos uneigennützige Offenheit. Denn der Mensch ist, wie alle lebenden Wesen, ein bedürftiges und eben deshalb ein interessiertes Wesen. Aus dieser Perspektive gesehen ist es vollkommen berechtigt, dass der Mensch mit den ihm zu Dienst stehenden Mitteln die Befriedigung seiner wesentlichen Bedürfnisse anstrebt.

Das ist aber nur ein Aspekt seiner Natur und, wie gesagt, nicht der eigentlich charakteristische. Dieser ist vielmehr im Vermögen zu suchen, sich dem Anderen, wie es in sich selbst ist, zu öffnen, sich einfühlend damit zu identifizieren und sich seiner anzunehmen.

Koo van der Wal: Die Umkehrung der Welt

Die Berliner HVD-Leitung führt den Humanismus eng auf eine naturwissenschaftliche Gegenposition zur Religion und vergibt die Chance, Humanismus so zu denken, dass ein komplexes Gefüge des guten Lebens in den Blick kommt. In ihm haben Naturwissenschaften und Technik ihren legitimen, aber zugleich durch andere menschliche Wertigkeiten begrenzten Platz.



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Originalbild mit freundlicher Genehmigung von heise.de

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