Sicherheitsbehörden sollen vor Manchesterbomber Abedi gewarnt worden sein



Die britische Boulevardzeitung The Sun stellte Kindermörder Salman Abedi seinem jüngsten Opfer fotografisch gegenüber

Der Vater des Terroristen, der Kinder in die Luft sprengte, kämpfte in Libyen angeblich in einer Gruppe mit al-Qaida-Verbindung

Am Montagabend kurz nach 22 Uhr 30, als die vor allem bei Minderjährigen beliebte US-Sängerin Ariana Grande gerade ihr letztes Stück beendete, sprengte der Selbstmordattentäter Salman Abedi mit einer Rucksackbombe im Foyer eines Konzertsaals in Manchester 22 Menschen in den Tod und verletzte 119 weitere teilweise schwer (vgl. Anschlag in Manchester: Mindestens 22 Tote).

Dem Telegraph nach, der sich auf Aussagen aus dem Bekanntenkreis des Täters beruft, waren die britischen Sicherheitsbehörden vorher mindestens fünf Mal davor gewarnt worden, dass Abedi ein sunnitischer Extremist ist. Anlass dafür, dass diese Bekannten die Anti-Terror-Hotline anriefen oder sich anderweitig an die Behörden wandten, sollen Lobpreisungen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) und die Befürwortung von Selbstmordattentaten gewesen sein.

Die Polizei von Manchester will sich zu diesen Vorwürfen mit Verweis auf laufende Ermittlungen bislang nicht äußern. Innenministerin Amber Rudd hatte jedoch bereits davor zugegeben, dass Abedi für die Sicherheitsbehörden vor der Tat kein Unbekannter war. Andere britische Medien berichten unter Berufung auf Regierungs- und Behördenkreise von der nicht offiziell geäußerten Entschuldigung, die Allokation der begrenzten Überwachungsressourcen sei oft eine sehr schwierige Entscheidung, weil sie eine inzwischen vierstellige Zahl von Personen betreffe. Dass man bei der Auswahl aber nicht komplett versagt habe, zeigten alleine fünf seit dem Westminster-Attentat im März verhinderte Anschläge.

Beim Guardian meldete sich währenddessen ein Bekannter des Vaters von Salman Abedi, der seit sechs Jahren wieder in Libyen lebt. Diesem Bekannten nach kämpfte Ramadan Abedi 2011 in der Muqtalla, der „Libyschen Islamischen Kampfgruppe“ (englisch abgekürzt: “ LIFG“). Obwohl die NATO damals (ebenso wie die Muqtalla) am Sturz des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi mitwirkte, führt sie das US-Außenministerium wegen ihrer Verbindungen zu al-Qaida als Terrororganisation.

Inzwischen soll Ramadan Abedi zusammen mit Salmans Bruder Hashem von einer anderen Miliz in Tripolis festgenommen worden sein und verhört werden. Er streitet ab, dass er von Salmans Vorhaben wusste und bezweifelt trotz der eindeutigen forensischen Beweislage öffentlich, dass sein Sohn der Täter war. Hashem, der sich in Social-Media-Selfies gern mit Sturmgewehr zeigt, soll den Ermittlern dagegen verraten haben, dass er und sein Bruder der IS-Ideologie folgten und dass er vorab Kenntnis vom geplanten Massenmord hatte.

Trotz der Warnungen konnte Salman Abedi problemlos zwischen dem Vereinigten Königreich und dem gescheiterten Staat Libyen hin- und herreisen, wo er sich womöglich praktische Erfahrung in der Herstellung von Sprengvorrichtungen aneignete. Eine andere Möglichkeit, die der französische Innenminister Gérard Collomb andeutete, ist, dass Abedi von Libyen aus aus in das syrisch-irakische Kernland des IS-Kalifats weiterreiste und sich dort ausbilden und instruieren ließ. Medienberichten nach soll er erst kurz vor dem Anschlag nach England zurück gereist sein – und zwar über Nordrhein-Westfalen, wie das deutsche Nachrichtenmagazin Focus erfahren haben will. Dort prüfen die Behörden nun, ob er Kontakte zu deutschen Salafisten hatte.

Dem Bundesamt für Verfassungsschutz zufolge lebt der Großteil der inzwischen über 43.000 Menschen umfassenden deutschen Islamistenszene in diesem Bundesland. Auch Anis Amri, der Lastwagenmassenmörder vom Berliner Breitscheidplatz, bereitete dort seinen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt vor. Auf eine Warnung des Landeskriminalamtes hatte der inzwischen abgewählte Innenminister Jäger 2016 nicht so reagiert, dass der Anschlag mit 11 Toten und 55 Verletzten verhindert worden wäre.

Nordrhein-Westfalen hat mit Manchester gemein, dass es dort so genannte „No-Go-Areas“ gibt, in denen die Polizei die Sicherheit vor Gewaltverbrechen nur mehr eingeschränkt gewährleisten kann: In Moss Side, einer dieser No-Go-Areas, ringen somalische und libysche Gangs um die Vorherrschaft. Abdul Wahab H., ein 2016 bei einer dieser Auseinandersetzungen erstochener Araber, soll ein enger Freund von Salman Abedi gewesen sein. In Moss Side lebte auch der Libyer Abdalraouf Abdallah, der 2016 zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, nachdem er versuchte, einen konvertierten britischen Luftwaffesoldaten nach Syrien zu schleusen.

Zuletzt soll Abedi in einer Airbnb-Wohnung in der Granby Row gelebt haben, wo er den Behördenerkenntnissen nach auch den Sprengstoff für sein Selbstmordattentat herstellte. Zusammengebaut worden soll die mit Schrauben und anderen Metallteilen gefüllte Bombe jedoch an einem anderen Ort sein. Dabei hatte er möglicherweise auch in Großbritannien Helfer. In diesem Zusammenhang untersuchte die Polizei in den letzten drei Tagen weitere Gebäude in Moss Side und in St. Helens, einem Vorort von Manchester. Von den insgesamt zehn Festgenommenen befinden sich inzwischen acht wieder auf freiem Fuß.

Die Verstimmung im Verhältnis zu den US-Sicherheitsbehörden, die die Ermittlungen durch die unbefugte Weiterleitung von Informationen an die New York Times behindert haben sollen, hat sich derweilen wieder gelegt: Nach Zusicherungen, dass das nicht mehr vorkommen werde, ließ Mark Rowley, der Chef der britischen Anti-Terror-Polizei, den Informationsaustausch gestern wieder aufnehmen (vgl. Britische Regierung ist wegen Leaks wütend auf US-Behörden).



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