US-Raketenabwehrsystem konnte vermutlich Huthi-Rakete nicht abschießen


Abschuss einer Patriot-Rakete während einer Nato-Übung in Chania. Bild: DoD

Raketenexperten glauben nachgewiesen zu haben, dass trotz fünfmaligem Abfeuern der Patriot-Batterien eine aus Jemen kommende Scud-Rakete nicht abgewehrt werden konnte, der Sprengkopf explodierte auf dem Flugplatz bei Riad

Die Geschichte klang zunächst einfach. Am 3. November schossen die Huthi-Rebellen als Vergeltung für Bombenangriffe einen Marschflugkörper in Richtung des über 1.000 km entfernten Internationalen King-Khalid-Flughafens in Riad ab. Offiziell hieß es, dass die Rakete vor dem Einschlag auf den Flughafen vom US-Raketenabwehrsystem Patriot abgeschossen worden sei.

US-Präsident Donald Trump machte Iran verantwortlich und prahlte mit der Leistungskraft der amerikanischen Waffensysteme: „Iran hat meiner Meinung nach einen Schuss auf Saudi-Arabien abgegeben. Und unser System hat ihn ausgeschalten. Das zeigt, wie gut wir sind. Keiner stellt her, was wir herstellen, und jetzt verkaufen wir es überall auf der ganzen Welt.“

Auch Saudi-Arabien vertrat diese Version, sprach von einem möglichen Kriegsakt Irans und kündigte Vergeltungsmaßnahmen an, die zunächst darin bestanden, den Jemen weiter abzuriegeln und Luftangriffe auf die von den Huthis gehaltene Hauptstadt Sanaa zu fliegen.

Für die USA ist von großer militärischer Bedeutung – und dies aktuell besonders im Konflikt mit Nordkorea -, dass die Raketenabwehrsysteme nicht nur die USA selbst schützen können, sondern auch die Alliierten und Käufer der teuren Systeme, die realistisch noch nicht zum Einsatz kamen und sich auch als Papiertiger erweisen könnten, was vor allem für das bodengestützte GMD, dessen Stationierung in Osteuropa den Konflikt mit Russland heraufbeschworen hatte, das Aegis-System und das THAAD gilt.

Das Patriot-System hingegen wurde erfolgreich im Irak-Krieg 2003 gegen einige Kurzstreckenraketen eingesetzt; Israel schoss damit einen syrischen Kampfjets des Typs Sukhoi Su-24 und zwei Drohnen ab, Saudi-Arabien soll 2015 damit eine Scud-Rakete der Huthis, eine Kurzstreckenrakete, abgeschossen haben. Der Hersteller Raytheon rühmte sich im Mai 2017, dass mit den Patriot-Systemen weltweit „mehr als 100 taktische ballistische Raketen“ abgeschossen worden seien.

Raketenexperten unter der Leitung von Jeffrey Shaw vom Middlebury Institute of International Studies in Monterey, der die Website ArmsControlWonk.com veröffentlicht, und David Wright, Union of Concerned Scientists, bezweifeln nach einer Analyse von Bildern und Videos jedoch, dass die am 3. November abgefeuerte Rakete tatsächlich von einer MIM-104-Patriot-Abfangrakete abgeschossen wurde. Die New York Times hat die Ergebnisse nun veröffentlicht.

Da Regierungen gerne die Leistung ihrer Raketenabwehrsysteme übertrieben hätten, seien die Wissenschaftler skeptisch gewesen, ob der Bericht über den Abschuss richtig war. Sie verweisen dabei auf den ersten Golfkrieg, wo das Pentagon zunächst behauptet hatte, fast alle irakischen Scud-Raketen abgeschossen zu haben. Spätere Analysen hätten aber ergeben, dass fast alle Abschussversuche gescheitert waren.

Bei der Kurzstreckenrakete hat es sich um eine Burqan-2 bzw. Volcano H-2 gehandelt, eine Variante der Scud-Rakete, die etwa 1.000 km weit geflogen ist. Angeblich stammt die Rakete aus Iran. Teheran bestreitet dies allerdings. Erstmals bekannt wurde die Rakete im Juli 2017, als die Huthis sie zum ersten Mal nach Saudi-Arabien abfeuerten. Laut Angaben der Huthis wurde dadurch eine Raffinerie in Brand gesetzt, Saudi-Arabien bestreitet dies.

Aus der Analyse von Bildern der Trümmer in Riad schließen die Wissenschaftler, dass die Patriot-Abfangrakete entweder die Huthi-Rakete verpasst oder nur den harmlosen hinteren Teil getroffen hat. Als die Saudis Raketen abschossen, waren bereits Trümmer auf Riad herabgefallen, ein großes Teil auf einem Parkplatz in der Nähe einer Schule, wie ein Video zeigt. Andere Trümmer fielen, wie aus weiteren Videos hervorgeht, entlang einer Autobahn auf den Boden.

Auffällig sei, dass es unter den Trümmern keine Teile des Sprengkopfes gegeben habe. Daher könne man davon ausgehen, dass die Rakete nicht getroffen wurde. Normalerweise würde eine Rakete vor dem Ziel in zwei Teile zerfallen. Während der kleinere und schwieriger zu treffende Sprengkopf weiter fliegt, fällt der Teil mit dem Triebwerk ab. Das würde laut den Wissenschaftlern erklären, warum die in Riad gefundenen Trümmer nur vom hinteren Teil der Rakete stammen. Bestenfalls hätten die Saudis nur diesen getroffen, es könne aber auch sein, dass dieser unter dem hohen Luftdruck selbst auseinander gebrochen ist.

Die Wissenschaftler konnten zudem den Ort lokalisieren, von dem die Patriotsysteme auf die Rakete geschossen haben. Vermutlich seien die Patriot-Abfangraketen auf den abgestoßenen Teil der Rakete gerichtet gewesen, während der Sprengkopf weiter oben über sie hinweggeflogen war. Fünfmal hätten die Patriot-Raketenbatterien geschossen – und ihr Ziel verfehlt.

Dass der Sprengkopf sich wie intendiert gelöst hatte, werde dadurch bestätigt, dass zur selben Zeit, als die Trümmer auf Riad herunterflogen, 20 km entfernt am Flugplatz ein lauter Knall zu hören gewesen war. Es habe eine Explosion am Flughafen gegeben, hatte ein Mann in einem Video gesagt, das kurz nach dem Knall aufgenommen wurde. Er und andere Personen sind zu den Fenstern gerannt, als Rettungsfahrzeuge auf der Startbahn fuhren. Auf einem anderen Video ist eine Rauchwolke über dem Flughafen zu erkennen.

Aus den Bildern konnten die Wissenschaftler die Standpunkte lokalisieren, wo die Fotos und Videos aufgenommen wurden. Dadurch ließ sich auch der genaue Ort der Rauchwolke identifizieren: in der Nähe der Startbahn 33R und einen Kilometer entfernt vom Inland-Terminal. Der Sprengkopf dürfte aber keinen größeren Schaden angerichtet haben, auf Satellitenbildern, die vorher und nachher gemacht wurden, ist der Einschlagskrater nicht zu sehen. Die Saudis hatten gesagt, ein Trümmerteil sei am Flughafen heruntergestürzt, was aber unwahrscheinlich aufgrund der Entfernung wäre und nicht die Explosion erklären würde.

Die Huthis hätten zwar ihr anvisiertes Ziel nicht getroffen, sagt Lewis, aber sie hätten demonstriert, dass sie mit ihren Raketen Ziele in 1.000 km Entfernung erreichen und die Raketenabwehr überwinden können. Und zudem habe der Sprengkopf das Ziel nur um einen Kilometer verpasst, das sei für eine Scud-Rakete ziemlich normal.

Sollte die Analyse zutreffen, wäre dies für die USA ein schwerer Schlag. Ob Saudi-Arabien weiterhin den Kauf von THAAD-Raketenabwehrsystemen für 15 Milliarden ausführen wird, könnte fraglich werden. Zudem will Saudi-Arabien russische S-400-Raketenabwehrsysteme kaufen, die allerdings auch nicht wirklich erprobt sind.

Wie weit gerade angesichts der Nordkorea-Krise das Vertrauen in die amerikanischen Raketenabwehrsysteme in Südkorea und Japan einbricht, wird man sehen müssen. Und die übrigen Nato-Staaten müssten auch überlegen, für wie verlässlich sie die Patriot-Raketenabwehrsystem befinden, die sie für teures Geld erworben haben.
(Florian Rötzer)



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