Von Stellungen und Stellschrauben | c’t Magazin


Nein, angekündigte Veranstaltungen kurzfristig abzusagen, so was gab es beim früheren Intel-Chef Paul Stevens Otellini nicht. Nun ist aber das Unabwendbare eingetreten: Am 2. Oktober starb Otellini überraschend im jungen Rentneralter von nur 66 Jahren in seiner geliebten Heimatstadt San Francisco.

In der Amtszeit des studierten Volkswirts gab es eine größere Entlassungswelle, ab und an schmiss er auch mal Abteilungsleiter wie den Mobil-Chef Anand Chandrasekher raus, wenn diese nach seiner Meinung versagt hatten. Zu Otellinis Erfolgen gehörte Apples Wechsel von IBM PowerPC zu Intel, jedenfalls bei Notebooks, iMacs und Mac Pro. Daneben gabs auch diverse Fehlentscheidungen und Fehleinkäufe. Die eingekaufte Security-Firma des dubiosen Lebenskünstlers McAfee etwa, die man inzwischen wieder mit viel Mühe zumindest zur Hälfte abgestoßen hat, war wohl kaum 7,7 Milliarden US-Dollar wert und das in Otellinis Verantwortung fallende bizarre Marktverhalten bezüglich AMD kostete nachträglich ebenfalls Unsummen – die von der EU-Kommission verhängte Strafe von mehr als einer Milliarde Euro steht weiterhin im Raum. Dennoch stieg der Umsatz in seinen acht CEO-Jahren zwischen 2005 bis 2013 von 34 Milliarden auf 53 Milliarden US-Dollar.

Weaving Spiders …

Mehrmals war der Jesuitenschüler Otellini – sein Bruder Monsignor Steven war gar Diplomat im Vatikanischen Corps – bei den ominösen Treffen des erzkonservativen Bohemian Club, dessen mächtiges Clubhaus sich mitten in San Francisco (Taylor, Ecke Post) emporhebt. Das ist ein elitärer Verein von Politikern, Wirtschaftsbossen, Künstlern. Die Mitglieder und Gäste des Clubs – darunter etliche republikanische US-Präsidenten und auch ein inzwischen verstorbener sozialdemokratischer deutscher Kanzler – versammeln sich in jedem Sommer zu einer Art Pfadfinderlager im Bohemian Grove im Sonoma County. Frauen sind natürlich unerwünscht, Journalisten, Handys und jede Art von netzwerkende „weaving spiders“ – Trump bislang allerdings auch, weil zu vulgär.

Partnerschaften hielt Otellini fest, privat und im Berufsleben. Dem Itanium-Prozessor hatte er, allen betriebswirtschaftlichen Berechnungen zum Trotz, all die Jahre als VP der Architekturgruppe, dann als CEO die Stange gehalten – Partner Hewlett-Packard war einfach zu wichtig. Und weil das mit der Hardware-x86-Emulation der ersten Version Merced überhaupt nicht so lief wie gewünscht, hatte Intel diese recht bald durch eine Software-Emulation ersetzt, den IA32 Execution Layer (IA32-EL). HP entwickelte parallel dazu die Translationstechnik „Aries“ für die Emulation ihres alten PA-RISC-Prozessors. Einige Jahre später kam HP auf die Idee, mit Virtualisierung arbeitende Techniken für x86 einzusetzen, und entwickelte als Ergänzung zu IA32-EL ein magisches Xen names MagiXen. Immerhin kam man damit auf gut 60 Prozent der SPECint-2000-Performance im Vergleich zu nativem IA64-Code – nicht schlecht für einen Emulator.

Im vergangenen Jahr tauchten dann plötzlich Informationen über einen x86-Emulator für das geplante Windows 10 für ARM64 auf und zwar unter dem Namen CHPE, was flugs als Cobalt-HP-Emulation gedeutet wurde. Das war allerdings Nonsens, der Codename lautete zwar Cobalt, aber CHPE steht für Compiled Hybrid Portable Executable. Das sind hybride 32-bittige DLLs mit kompatiblem Interface, aber nativem ARM64-Code, so klärte Microsoft auf der Build 2017 auf. Und im PE-Dateiformat gibt es schon längst den Eintrag für ARM64, netterweise als 0xaa64.

… come not here

Aber neben CHPE enthält das Microsoft-Konzept auch noch einen (32-bittigen) x86-to-ARM-CPU-Emulator. Und bei dem, so die Gerüchteküche, könnte vielleicht doch HP mitspielen. Denn neben der Machbarkeit gibts ja noch die Frage nach dem Erlaubtsein. Intel hat im Sommer in Richtung Microsoft und Qualcomm geschossen und deutlich gemacht, dass auch die x86-Emulation geschützt ist und dass Intel seine x86-Patentrechte „wachsam durchsetzen wolle“. Blöd nur, wenn wirklich Alt-Partner HP mit alten Emulationsrechten irgendwie beteiligt sein sollte.

Andromeda, Aruba, Oasis, Polaris – Microsoft hat jedenfalls einen ganz großen Wurf mit modularen Betriebssystemen für verschiedene Plattformen vor, die ähnlich wie einst beim Itanium über einen Hardware Abstraction Layer auf den darunterliegenden Prozessor abgebildet werden – das verspricht spannend zu werden.

Nebenbei läuft sich auch RISC-V warm. Für diese offene Prozessorarchitektur der Uni Berkeley gibt es ebenfalls PE-Einträge für 32, 64 und sogar für 128 Bit – sowie zahlreiche Emulatoren. SiFive hat jetzt das erste 64-Bit-Quadcore-SoC U54 MC Coreplex herausgebracht – zumindest schon mal als Verilog-Code. So langsam wirds also ernst, im nächsten Jahr steht entsprechende Hardware zu erwarten. Spätestens dann dürfte RISC-V im Blickfeld von Microsoft liegen, und Microsoft gehört ebenso wie HPE, Qualcomm oder AMD zur RISC-V-Foundation – nur eben Intel nicht.

Der Wettbewerb wird derweil auch innerhalb der legalen x86-Hardware stärker, so allmählich kommen die ersten AMD-Epyc-Systeme auf den Markt (siehe S. 24) . Hin und wieder hört man zwar immer noch von Problemen mit Ryzen und Linux, aber bei uns laufen zwei Epyc-7601-Prozessoren schon geraume Zeit unter Ubuntu 16.04 problemlos und schlagen sich sogar wacker im Numbercrunching gegen Intels Scalable Xeons mit AVX512 (siehe S. 136).

Sauberes Benchmarking wird allerdings immer schwieriger, zu unwägbar wird in den grauen und mehr als lückenhaft dokumentierten Zonen zwischen Prozessor, Board und BIOS mit Taktlinien und Spannungen sowie mit Turbo und Turbo-Boost hantiert, abhängig auch von Randbedingungen wie Kühlung, Stromversorgung und Erdstrahlung. Besonders deutlich sieht man das bei Intels lüfterlos kühlbaren „Y“-Mobilprozessoren: Schlampt der Tablet-Hersteller beim Kühlsystem, läuft ein teurer Core i7-Y auch mal langsamer als ein viel billigerer Core i3-Y. Läuft ein Prozessor überhaupt noch innerhalb seiner Spezifikationen? Oder setzt das BIOS des jeweiligen Mainboards nicht doch einige undurchsichtige Parameter, die man landläufig als Übertaktung bezeichnet? Mag sein, dass das System augenscheinlich noch stabil läuft, aber es verbraucht deutlich mehr Energie. Und wie sieht es bei solch einer verdeckten Übertaktung eigentlich mit der Gewährleistung aus?

Einige Mainboard-Hersteller nutzen wohl auch die Chance, ihre Produkte besonders flink erscheinen zu lassen. So hatten wir beim Test des mächtigen 18-Kerners Core i9-7980XE festgestellt, dass das Mainboard von Asus „heimlich“ die Grenzwerte für die Turbo-Leistungsaufnahme der CPU nach oben verschiebt, wenn man im BIOS-Setup die Extended Memory Profiles (XMP) zum Übertakten des Hauptspeichers lädt. Setzt man dieselben Memory-Timings von Hand, läuft der Core i9-7980XE um rund 5 Prozent langsamer, schluckt aber auch unter Volllast etwa 30 Watt weniger.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das dem Prozessorhersteller ganz gut in den Kram passt, der so beispielsweise mit schnelleren CineBench-Werten glänzen kann. Daneben gibts noch mehr versteckte Stellschrauben, etwa die Taktfrequenz des Cache-Subsystems der CPU. Der französischen Website Hardware.fr fiel beim Test des Core i7-8700K auf, dass das Asus-Board diese Taktfrequenz deutlich höher einstellt, als von Intel spezifiziert. Die Performance steigt – die Leistungsaufnahme auch. Wie sagen doch die Franzosen so schön: Honi soit qui mal y pense. (as@ct.de)



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