Zombies in der Kultur | Telepolis



Ausschnitt aus dem Cover des im Artikel erwähnten Buches von John Cussans „Undead Uprising. Haiti, Horror and the Voodoo-Complex“. (Verlag: Strange Attractor)

Der Zombie als popkulturelle Figur hat den Horrorfilm verlassen und wankt inzwischen auch über andere Straßen

Die Figur des Horrorfilms, der Zombie, erfährt in vielen Bereichen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens ein Revival der besonderen Art. Nicht allein im popkulturellen Raum, auch in der internationalen Finanzwelt zum Beispiel oder in der Politik ist die Rede von „Zombie-Banken“ oder gar „Zombie-Ländern“. Mit Zombie-Walks, Aktionen in den Innenstädten, versuchen politische Aktivisten und Aktivistinnen auf Missstände aufmerksam zu machen. (Wie zuletzt auch als friedlicher Protest gegen den G20-Gipfel.)

Durch den Tod des italo-amerikanischen Regisseurs George A. Romero vor wenigen Wochen, ist das Zombie-Thema erneut in den Fokus der Medien gerückt. Bereits in den 1980er Jahren hat die ZDF-Doku „Mama Papa Zombie“ (1984) für Aufmerksamkeit gesorgt. Sorgen gaben das Stichwort ab – Eltern und Medienvertreter, Pädagogen und Sozialarbeiter zeigten sich über die „Videoschwemme“ entsetzt. Zombiefilme drangen in Kinderzimmer ein. Die Darstellung von Gewalt, von menschenähnlichen Leichen, die nicht sterben wollten, erhitzte die Gemüter.

Das Bild, das sich heute zeigt, ist ein anderes: Der Zombie als popkulturelle Figur hat den Horrorfilm verlassen und wankt inzwischen auch über andere Straßen. Die reine Beschreibung der verschiedenen Kontexte, in denen der Zombie als mediale Figur auftaucht, kann nicht ausreichen. Seine drastische „Nach-dem-Leben-Lebensweise“ verlangt nach einer Kontextualisierung.

Einen Zombie zum Thema zu befragen, führt nicht wesentlich weiter: ein Gröhlen, ein Grunzen, ein Brüllen, ein Blöken. Das fehlende oder inaktive Hirn gestaltet das Sprechen schwer. Über die Frage, ob Zombies über ein Selbstbewusstsein und soziales Miteinander verfügen, soll erst später nachgedacht werden. Die Zombies bewegen sich in definierten Räumen – was vielleicht auch den besonderen Reiz ausmacht, sie als Metapher zu gebrauchen.

Filmfans werden viele Beispiele ihres Leib-und-Magen-Mediums vermissen. Dazu sei gesagt: Zombies entstanden nicht erst im Film, aber der Film hat sie populär gemacht, hat sie verteidigt, hat sie künstlich ernährt, bis sie in die Welt jenseits der Leinwand getorkelt sind und vielleicht kann nur das Medium Film die Zombieflut eindämmen, aber es soll hier ein Blick neben der sonstigen Spur gewagt werden.

Der Zombie gilt als untotes Wesen, das sich vom Fleisch der noch lebenden Menschen nährt. Seinen Ursprung besitzt er im Voodoo-Glauben der Neuen Welt. Westafrikanische Sklaven brachten ihren Glauben in die Karibik und auf Haiti finden sich Berichte über automatisierte Menschen. Ihre biologische Existenz reduziert sich auf Arme und Beine, um zu schuften. Ohne Fragen zu stellen. Das Fressen von Menschenfleisch ist bei diesen frühen zombis (noch ohne das „e“) nicht ausgeprägt.

Billige Arbeitskräfte ohne oppositionelles Bewusstsein, das heißt: seelenlose Menschen ohne Schmerzempfinden, Sklaven ohne emotionale Bindung, ungeschlachte Golems, die aber für die Arbeit auf den Plantagen geeignet sind. Menschen, die ihrer Seele beraubt wurden.

Diese Machtverhältnisse haben den Vergleich mit der Sklaverei verstärkt. Gudrun Rath (siehe Literaturliste am Ende des Artikels) zeigt in einer Ausgabe der Zeitschrift für Kulturwissenschaften, dass die zombi-Forschung kontrovers diese und andere Vergleiche diskutiert. Anders als im filmischen Bereich ist nicht eindeutig, was man unter einem „zombi“ oder in der Hollywood-Schreibweise unter einem „Zombie“ verstehen soll.

Übereinstimmend kann die Ambivalenz zwischen Tod und neuem (pervertierten) Leben festgestellt werden. Doch auch Vampire zeichnen sich durch solche Eigenschaften aus. Die einen saugen Blut aus, stark vereinfacht – die anderen fressen den ganzen Menschen. Dabei ist jeder Zombie Opfer, das durch den Biss eines anderen zunächst zum Opfer, dann zum Täter wird. Auf Vampire trifft dieselbe Transformation zu. Die Ambivalenz ihrer Existenz treibt die Zombies durch die verschiedenen Felder.

In der Filmbranche torkeln sie nach wie vor als fleischfressende Ghule über die Mattscheibe. Jedoch bergen George A. Romeros Filme von Beginn an sozialkritische Töne: Der Erstling „Night of the Living Dead“ thematisiert im Jahr 1968 soziale Unruhen; der zweite Teil „Dawn of the Dead“ trifft bereits ins Mark der Konsumkultur: In einer Mall tummeln sich die Zombies und überraschen die Konsumenten bei ihren Einkäufen.

Romero betont dann auch den soziopolitischen oder mehr noch: den sozialkritischen Unterton seiner Zombiefilme. Dabei ist es für Filmenthusiasten vielleicht einfach der Nervenkitzel, der mit der wogenden Masse von Menschenfleischfressern einhergeht. Schafft es die Gruppe der Überlebenden oder wird sie zum Opfer?

Zombies sind Getriebene im Nachleben oder Statisten in den Katastrophenfilmen. Die Eigenart des Zombie-Biotops bedingt, dass sie als monströse Wesen relativ einfach definiert sind, dadurch auch leicht zu erkennen. Wer sich in das Zombie-Genre vorwagt, wird durch leichte Veränderungen Akzente setzen wollen. So mag eine Symbiose aus Menschen und Zombies denkbar sein; doch wer erträgt es, den Spiegel des eigenen Todes neben sich sitzen zu haben, laut schmatzend.

Die Zombie-Komödie „Shaun of the Dead“ (2004) zieht Vergleiche zum Alltag in der spätkapitalistischen Gesellschaft. Wer morgens in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, stößt auf halbverschlafene Menschen, die unbeholfen über die Straße torkeln. Entsprechend fällt dem Protagonisten Shaun zunächst gar nicht auf, dass eine Zombieseuche ausgebrochen sein könnte. Seinen besten Kumpel trifft es leider im Verlauf der Handlung auch. Doch Shaun findet eine schöne Anknüpfung an das frühere Leben – in diesem Fall ist eine Mensch-Zombie-Symbiose möglich. Daher stellt sich die Frage: Wie viel bekommt der Zombie noch von der menschlichen Welt mit, außer seinem Trieb zu folgen?

Zudem definiert die Willenlosigkeit Zombies, die dann später im popkulturellen Derivat die Hirnlosigkeit praktizieren, indem die Zombiemassen instinktiv nach einer Sache streben: menschliches Hirn zu fressen, um die eigene Leere im Schädel aufzufüllen.

Sie bewahren etwas Menschliches, das jedoch durch die fortschreitende Verwesung unkenntlich wird. Mit der Verbindung zum früheren Leben spielen manche Filme (zum Beispiel Romeros „Land of the Dead“, 2005). Es besteht eine enge Verbindung zwischen Zombies und Menschen, Untoten und Lebenden.

Es waren Menschen, die durch den Biss von anderen Zombies oder durch einen Virus infiziert wurden. Was wir über Zombies wissen, wissen wir meist aus Filmen. Wenn also eine Zombieplage im Real Life droht, könnten die entsprechenden Filmfans ernstzunehmende Ratschläge für den Ernstfall geben. Das Stichwort ist: Worst-Case-Szenario.

Der politische Analytiker Daniel W. Drezner aus den USA beschäftigt sich mit den mühsam mahlenden Mühlen der internationalen Politik, wenn Zombies die Straßen bevölkern. Er identifiziert die Zombieplage als Herausforderung für die internationale Politik. Es sind Planspiele, die Drezner in seinem schmalen Buch „Theories of International Politics and Zombies“ anführt.

Die Zombies verlassen die Filmleinwand und taumeln in die Risikoforschung. Doch was hat es zu bedeuten, wenn sich Drezner, der auch den Council for Foreign Relations berät, mit Zombies beschäftigt? Sind diese Unwesen doch Realität?



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Originalbild mit freundlicher Genehmigung von heise.de

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